Wednesday, April 13, 2005

unabgeschickte Post

Lieber Bernhard,
ich stelle mir vor, dass die DDR-Bürger nach der Wende sichteilweise ähnlich gefühlt haben müssen. Wie ich jetzt. Alles, wofür sie ihr Leben lang gelebt hatten, was gut und richtig gewesen war, die sozialen Strukturen und Gewohnheiten - hinweggefegt, in Frage gestellt, nichts mehr wert. Ihr bisheriges Leben ein einziger Irrtum.

Nun bin ich 38 Jahre alt und stelle fest, dass ich seit gut 25 Jahren in eine Sackgasse gerannt bin. Irgendwie hab ich es zwar geahnt ... aber immer weiter und weiter bin ich gerannt.

Mit den Jahren habe ich einen Hass aufgebaut, der wahrscheinlich seinesgleichen sucht? Dann, nach und nach, habe ich mich gefragt, woher dieser Hass eigentlich kommt. Er hat mich innerlich zerfressen, auch wenn ich es nicht täglich und ganz konkret gespürt habe. Aber wenn nicht aus dieser Quelle, woher dann meine Depressionen, meine Panikattacken, das Gefühl, nicht ganz zu sein.

Es gab viele Gründe dich abzulehnen, diesen Hass zu nähren. So viele, dass ich sie kaum alle benennen kann. Und wenn du sie hörst, wirst du davon vielleicht nur die Hälfte erinnern.

Wie oft, ich hab es dir schon erzählt, hab ich beim Mittagstisch zu hören bekommen, dass ich ja eigentlich gar keien eigene Meinung hätte, sondern dass das nur der Überschwang der Jugend sei und man in diesem Alter halt Utopien habe. Nun hast du selbst gesagt, dass es dir, in der selben Zeit und als Erwachsener! nicht anders ging. Aber ich wollte ernst genommen werden. Meinetwegen mit Diskussion, aber nicht abgetan als dummes Ding, dass es ja nicht besser wissen kann.

Ich erinnere mich daran, dass du vorgelesen hast und plötzlich hast du schwäbisch gelesen und mir war das sowas von unangenehm. Wahrscheinlich wurdest du mir dadurch einfach zu fremd, warst nicht mehr mein Vater. Wie soll ich das jetzt noch genau sagen ... Oder du versuchtest mir SChach beizubringen und fingst dann plötzlich mit der MiMiMi-Stimme an ... Was mich daran so gestört hat, wiss ich gar nicht mehr genau, aber ich vermute mal, dass sich dadurch das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden immer weiter vertieft hat. Heute kann ich das nicht mehr so genau sagen, diese Begebenheiten schwirren mir durch den Kopf und sagen mir: ja, dein Vater war unfähig! Unfähig zu sehen, dass Kinder Humor, wie ihn Erwachsene haben, nicht verstehen können. Ich war zu klein, um mich dagegen zu wehren, ich verstand das halt nicht!

Das erste Mal, dass ich dich bewusst abgewehrt habe, waren tatsächlich die gemütlichen Morgende im Familienbett - die eben immer wieder, wenn nicht jedes Mal, in Balgereien und Kitzelorgien endeten, wo ich mich natürlich nie behaupten konnte. Und die ich auch einfach anstrengend und fand, körperlich und auch, ja, als Zusammensein. Ich beschloss einfach, nicht mehr kitzelig zu sein. An den Fußsohlen klappte es sofort und ich errang einen Sieg. Grenzte mich ab. Und fast sofort wurde das Thema kitzeln uninteressant für dich.

Als ich älter wurde, hast du dich sofort lustig gemacht, wenn ich einen Jungen aus meiner Klasse oder der Schule mehr als zweimal erwähnt habe. Da hab ich es dann ganz gelassen, mich für Jungs zu interessieren. Kaum irgendwelche Eltern in meiner Klase hatten wohl so wenig Sorgen um ihre Teenager, wie ihr. Ich habe mich immer mehr in meine Bücher verkrochen, Freunde in der Schule hatte ich sowieso nicht, warum also sollte ich abends weggehen, mich an dubiosen Orten rumtreiben, Alkohol und Zigaretten ausporbieren, unmoralischen Angeboten ausgesetzt sein?

Und dan studierte ich schon lange und du rufst mich am 1. Mai an, ich war erst im Morgengrauen von einer wunderschönen Freiluft-Grill-Party nach Hause gekommen, und du willst von mir den Namen meiner neuen Krankenkasse wissen. Es war höchtens 10h morgens, Feiertag und der nächste Tag ein Sonntag! Ich war so schlaftrunken, dass ich noch nicht mal sagen konnte, dass dein Anruf total unpassend war. Dann rief ich dich an, als ich einigermaßen ausgeschlafen war, und hab dir mit größtmöglicher Freundlcihkeit und Geduld versucht zu sagen, dass man um diese Zeit lieber nicht anruft. Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, nicht sauer zu sein und war es auch nicht. Und was kommt? Du rastet völlig aus, im Knigge stehe, man könne sehr wohl ab 10h anrufen und überhaupt, diesen Lebenswandel hätte ich ja wohl nicht bei euch gelernt!!! Ich hab noch ein paarmal versucht, zu dir durchzudringen, vergeblich und dann hast du den Hörer auffeknallt. Du hast dich nie dafür entschuldigt, wie du dich sowieso niemals für irgend etwas entschuldigt hast. Ich war 25 und ein erwachsener Mensch. Für mich war das das entscheidende Erlebnis, den ohnehin sporadischen Kontakt ganz und gar abzubrechen.

Ach, es gibt einfach zu vieles, was schief gelaufen ist und letztlich macht es weder die Masse noch die Qualität. Warum hast du dich von Mami dazu einspannen lassen "ein Machtwort" zu sprechen, sprich mich zu schlagen, wenn sie mit mir nicht mehr fertig wurde? Weißt du, dass ich nur Foto-Alben-Erinnerungen an dich habe, die mir zeigen, dass wir zusammen schöne Dinge gemacht haben? Eventuell? Denn an die konkreten Situationen erinnere ich mich noch nicht mal und Fotos lügen so leicht. Da ist nichts, was ich außerhalb der Fotos erinnern würde und was gut war.

Und das tut weh.

Es tut erst jetzt weh, nach langen Jahren, in denen ich versucht habe, dich aus meinem Leben zu werfen, dich nicht nur zu ignorieren, sondern ganz und gar zu löschen. In denen ich nur Hass auf dich gepflegt habe, Hass Hass Hass - und war mir letztlich noch nicht mal klar, woher der eigentlich kam? Jahre, in denen ich mir selbst nicht eingestehen konnte, dass ich vor allem Liebe entbehrte, entbehrt hatte, Interesse und Zuwendung. Statt dessen war ich mir sicher, dass ich dich immer schon unerträglich fand und du mich sowieso immer schon abgelehnt hattest.

Wenn ich hier in Berlin auf die Eisbahn gehe, dann sehe ich die kleinen Gören, die noch ganz wackelig auf ihren Schlittschuhen stehen und von ihren Vätern (das scheint Aufgabe der Väter zu sein!) an den Händen gehalten werden. Ich kann mich nicht erinnern, wer mir das Schlittschulaufen beigebracht hat. Und es zerreißt mir fast das Herz, ich trauere um die vertanen Gelegenheiten, ich blicke voller Sehnsucht auf der Eisbahn herum und gönne es diesen Kindern, freu mich für sie, dass sie Schlittschuhlaufen lernen, dass sie diese Erinnerungen an ihre Väter haben werden ... und bin so traurig, auch ein wenig neidisch. Und ich bin auch neidisch wenn ich mir vorstelle, dass deine kleinen Töchter so eine ganz andere Chance haben, dann fühle ich mich wie ein Aschenputtel, für das nur die Abfälle gut genug waren. Warum ich?! Warum? Warum musste ich diese Liebe entbehren?

Und dann gibt es diese Theorie, dass Kinder sich ihre Eltern sehr wohl aussuchen. [Man kann das mit einem Schulterzucken als abgedrehte Esoterik abtun - nur kommt diese Lehre aus dem Buddismus und den gibt es in Asien schon seit Jahrtausenden und interessanterweise stoßen unsere westlichen Forscher langsam auf die Beweise, die vieles davon tatsächlich
"wissenschaftlich" nachweisen. Aha.] Wenn das so ist, dann ist es vielleicht meine Lebensaufgabe (oder eine davon), Liebe zu finden, wo ich sie nicht vermutet habe. Verzeihung zu üben. Mich auf eigene Füße zu stellen, aber nicht im Kampf, sondern in Entwicklung. Und wer weiß, was noch alles.

Nun hast du mir gesagt, dass du mich eben doch geliebt hast, als ich noch klein war, dass du mich auch jetzt lieb hast. Aber ich konnte es all die lange Jahre nicht fühlen, ich war so abgeschnitten von dieser Welt und sie läßt sich nie wieder zurückholen, sie ist vergangen. Ich weine um die lange Zeit, in der ich selbst nicht fähig war, meine Liebe zu zeigen, nicht nur dir gegenüber, sondern auch mir selbst gegenüber und vor allem war ich nicht in der Lage, erfüllte Beziehungen zu Männern zu entwickeln. All die vertanen Jahre bin ich mit falschen Vorzeichen durch mein Leben gegangen.

Es ist Arbeit, die alten Vorzeichen zu ändern. Die alten Bilder sind so schön bequem, man hat sich mit ihnen eingerichtet. Aber diese Bequemlichkeit ist eben auch nur oberflächlich und ich will das alte Leben nicht mehr, voller Wut, Trauer, Depressionen, ohne Selbstvertrauen, voller Selbsthass, Stagnation, Unsicherheit, mit Panikattacken und Überdruß, ohne Auswege. Ich will Liebe und Sonne und Erfolg und Freunde, Selbstvertrauen, festen Boden unter den Füßen, ich will Freude und Schönheit und Klarheit, endlose Möglichkeiten und Wege, offene Türen und Tore.

In deinem Brief hast du dich selbst angeklagt: "Was habe ich nur angerichtet". Ja, denke darüber nach. Mach es nun besser. Du bist ja schon dabei und ich freue mich letztlich auch für deine kleinen Mädchen. Aber lass mich auch los, versuche nicht, das Geschehene an mir gut zu machen. Es geht nicht. Die Chance ist vertan, die Zeit ist vorbei. Ich muss diesen falschen, unbegründeten Hass ganz alleine für mich begraben.

Irgendwie ist es auch gut zu wissen, dass ich die ganze Zeit falsch gelegen habe :-)

deine große tochter

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